Im Training läuft es immer prima

Warum Leistungsabfall im Wettkampf

Ist Targetpanic der Grund?

Training und Wettkampf oder wettkampfähnliche Situationen sind zwei Paar Schuhe. Viele haben diese Erfahrung und diese bittere Erkenntnis schon einmal gemacht. Gerade wenn es drauf ankommt, gibt es gleich oder im Lauf des Wettkampfes einen Einbruch und man kann sein Potenzial einfach nicht ausschöpfen. In solchen Fällen macht das Wort „Trainingsweltmeister" oft die Runde.

In vielen Sportarten ist es ähnlich, so auch im Bogensport. Es gibt viele, die außergewöhnliches Talent haben, es aber im Ernstfall nicht oder nur sehr selten abrufen können. Gerade wenn man etwas erreichen möchte, läuft es schief. Und auch Hobby-Schützen, die sich bei einem Turnier oder am Parcours beweisen wollen, leiden darunter. Ein oft wiederkehrendes Szenario: Beim Einschießen oder im Training gelingt vieles und man trifft gut, wenn es dann um was geht, bricht man ein. Topschützen haben da schnell die Bezeichnung „Trainingsweltmeister" umgehängt.

Was ist aber nun der Grund für dieses Phänomen? Ein Grund kann natürlich eine negative Denkweise oder Nervosität sein. Es können aber auch Zweifel und Ängste die Ursache sein. Jeder schätzt nämlich bewusst oder unbewusst ein, wie groß seine Chancen sind, sein Wettkampfziel oder auch nur das Punkteziel bei einer Parcoursrunde zu erreichen. Setzt man sich damit nicht schon in der Vorbereitung auseinander, besteht die Gefahr, dass diese unbewussten Gefühle während des Wettkampfs oder der Runde kommen und erst dann bezüglich der Chancen zur Zielerreichung negative Emotionen auslösen.

Selbstzweifel können zum anderen ausgelöst werden, wenn die eigene körperliche Erregung negativ gedeutet wird. Die Ungewissheit, wie es letztlich ausgeht, kann zu deutlich erhöhten Herzfrequenzen und körperlich spürbaren Anspannungssymptomen führen. Diese drohen aber erst leistungsmindernd zu wirken, wenn sie vom Sportler als leistungshemmende Nervosität interpretiert werden. Hoffentlich wird es nicht wieder schlechter, kann sich der eine oder andere denken.

Wenn man allerdings diesen Druck selbst positiv interpretiert, ist man ein Wettkampftyp. Solche Typen fühlen sich etwa durch viele Zuschauer beflügelt und können im Wettkampf immer noch etwas zulegen.

Die Technik beherrschen
Wer gut schießen möchte, braucht zuerst einmal eine gute Schusstechnik. Da führt kein Weg vorbei. Wenn man sie im Training prinzipiell beherrscht, ist das schon mal gut. Man muss für sich die persönlich richtige Technik definiert haben. Und die gilt es dann in jeder Situation umzusetzen. Auch die Zieltechnik sollte man beherrschen. Dabei geht es vor allem um den Abschusswinkel. Wer hier Probleme hat, wird eher nur durch Zufall treffen.

Vom Trainingsweltmeister zum Wettkampftypen
Wie kann man aber nun die Tatsache, dass es im Wettkampf oder am Parcours immer schlechter läuft, ändern? Es bedeutet sicher nicht, dass man zwangsläufig bis in alle Ewigkeit diese Probleme nicht loswerden kann. Wer im Wettkampf/Parcours regelmäßig schwächelt, kann durchaus auch im täglichen Training etwas dagegen unternehmen.

Eine Möglichkeit dazu ist, regelmäßig wettkampfnah zu trainieren. Wenn es um Punkte geht, ist vieles anders als im Training oder beim Üben. Hier kennt man nämlich das Umfeld. Daher sollte man hin und wieder gezielt unangenehme Situationen schaffen. Beispielsweise kann man beim Üben Prognosen über die Punktezahl oder die Genauigkeit der Treffer vorgeben. Und diese müssen dann auch erreicht werden.

Oft ist man bei Turnieren in einem Zustand, dass alles oder vieles einfach gelingt. Man ist im sogenannten „Flow". Aber genau das Gegenteil kann auch passieren. Wettkampf hat oft mit dem Zweifel an seiner eigenen Zielerreichung zu tun. Wenn man selbst in dem Modus „hoffentlich treffe ich überhaupt" ist, ist es sehr schwierig gute Leistungen zu erreichen. Wie kann man aber in den Modus „wo will ich ihn denn jetzt genau treffen" kommen? Dazu gibt es eine Möglichkeit. Man muss im Training oder beim Üben den Schwierigkeitsgrad erhöhen. Schießt man auf Papierauflagen, kann man im Training eine kleinere nehmen. Man verwendet z.B. auf 18 Meter statt einer 60er- eine 40er-Auflage. Schießt man auf 3-D-Tiere, kann man die Entfernung immer etwas weiter nehmen. Oder bei IFAA-Gruppe 3 (bis 31,5 Meter) schießt man 35 Meter. Hat man nun im Wettkampf oder Parcours eine ähnliche Situation, wirkt sie einfacher und die Nervosität ist deutlich geringer.

Selbstgesprächsregulation
Häufig ist ja das zu frühe Lösen das Hauptproblem. Eine Möglichkeit, das zu verhindern, ist die sogenannte Selbstgesprächsregulation. Dabei begleitet man den gesamten Schussablauf mit einem Spruch, wie z.B. „Stand – Hand – Anker – Los". Oder man macht es nur für einen Teil des Schussablaufes: „Anker – ziehen – ziehen – los".

Selbstgesprächsregulation

Selbstgesprächsregulation: Einfaches Beispiel für den gesamten Schussablauf
Beispiel für Langbogen

Beispiel für Recurve

Stand
Schulterbreite Beinstellung
Leicht in die Knie gehen
Oberkörper leicht nach vorne neigen
Kopf schräg halten
Pfeil einlegen

Hand
Bogenhand am Bogengriff positionieren
Finger leicht auf den Griff legen
Finger an die Sehne legen
Bogenarm gestreckt halten
Bogen 1/3 vorspannen

Anker
In den Vollauszug gehen
Ankern
Referenzpunkt 1 und 2 erreichen
Rückenspannung aufbauen
x Sekunden im Anker bleiben

Los
Finger entspannen
Hand geht nach hinten
Hand behält Kontakt zum Gesicht
Nachhalten
Stand
Schulterbreite Beinstellung
Leicht in die Knie gehen
Pfeil einlegen

Hand
Bogenhand am Bogengriff positionieren
Finger leicht auf den Griff legen
Finger an die Sehne legen
Bogenarm gestreckt halten
Bogen 1/3 vorspannen

Anker
In den Vollauszug gehen
Ankern
Referenzpunkt 1 und 2 erreichen
Rückenspannung aufbauen
x Sekunden im Anker bleiben

Los
Finger entspannen
Hand geht nach hinten
Hand behält Kontakt zum Gesicht
Nachhalten
Selbstgesprächsregulation für Langbogen und Recurve  

Targetpanic
Ein Problem ist „Targetpanic". Eine Erklärung setzt bei der klassischen Konditionierung an. Dabei wird vermutet, dass man sich einen auslösenden Reiz antrainiert hat, der z.B. das frühe Lösen bewirkt. Man hat sich sozusagen selbst konditioniert. Leider wissen die meisten nicht, was dieser Reiz nun ist. Er kann haptisch sein, man kann also etwas spüren und das lässt einen den Pfeil lösen. Es kann aber genauso ein optischer Reiz sein, der für das vorzeitige Lösen verantwortlich ist. Man sieht dabei unterbewusst den Pfeil in einem bestimmten Winkel oder Abstand zum Ziel und schon geht es los. Und natürlich wäre auch ein bestimmter Erregungszustand, wie große Nervosität, als Auslöser für Targetpanic denkbar.

Es gilt dabei also herauszufinden, was dieser Reiz genau ist, der mich dazu zwingt, zu früh zu lösen. Dazu könnte man folgende Versuche machen.
Ich schieße auf eine 40er-Auflage auf 10 Meter und erhöhe die Entfernung kontinuierlich. Dabei beobachte ich, ab wann Targetpanic auftritt.
Ich schieße auf ein 3-D-Ziel aus naher Entfernung und erhöhe die Entfernung und beobachte, wann Targetpanic auftritt.
Ich schieße auf eine 40er Auflage aus unterschiedlichen Entfernungen und ziele danach (schieße aber nicht) einige Meter daneben auf ein Grasbüschel.
Ich schieße auf ein 3-D-Ziel aus unterschiedlichen Entfernungen und ziele danach (schieße aber nicht) einige Meter daneben auf ein Grasbüschel.
Ich beobachte, ab wie vielen Schüssen Targetpanic auftritt.


Jay Kidwell, ein amerikanischer Psychologe, rät zu einigen Übungen, mit denen man den auslösenden Reiz loswerden kann. Dabei muss man gar nicht wissen, was der Auslöser war. Man muss nur konsequent die Übungen durchführen, bis man nicht mehr zu früh schießt.

Steigerung des Schwierigkeitsgrades
Mit steigendem Schwierigkeitsgrad wird es auch zunehmend schwieriger für einen selbst. Schießt man auf 4 Meter, hat man unter Umständen noch keine Probleme. Erhöht man die Entfernung, wird die Schusstechnik schlechter oder es tritt Targetpanic auf. Steigert man den subjektiven Schwierigkeitsgrad, indem man z.B. am Parcours seine Punkte zählt oder in einem Turnier mit dem ersten Schuss treffen will, kann es noch schlimmer werden.

Solche Stufen der Schwierigkeit könnten sein:
Schießen mit geschlossenen Augen auf 4 Meter
Schießen mit offenen Augen auf 4 Meter
Schießen mit offenen Augen auf einen kleinen Punkt auf 4 Meter
Schießen auf 8, 10, 15, 20, 25, … Meter
Parcoursrunde
Schießen auf 8, 10, 15, 20, 25, … Meter mit Punktezählung
Parcoursrunde mit Punktezählung
Spaß-Turnier
Meisterschaft


Man sollte also den Punkt kennen, ab dem es problematisch wird. Nun trainiert man das so lange, bis die Probleme nicht mehr auftreten. Hat man das erreicht, kann man wieder einen Schritt weiter gehen.

Fazit
Es gibt viele Gründe, warum man in bestimmten Situationen nicht gut oder überhaupt nicht mehr treffen kann. Wer damit zu kämpfen hat, sollte systematisch an die Sache herangehen. Bevor man sich mit der Lösung beschäftigt, sollte man zuerst die Ursache finden, warum man nicht trifft, oder warum plötzlich die Technik schlechter wird, oder aber auch ab wann man mit Targetpanic zu kämpfen hat.

Targetpanic loswerden

Methoden nach Jay Kidwell: Den auslösenden Reiz für zu frühes Lösen muss man loswerden.

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