Da schieß ich mal daneben
Das klingt zuerst einmal etwas schräg! Was soll das bringen, wenn ich absichtlich einen Fehler mache? Das kann doch nur ein Irrtum sein. Prinzipiell ja, aber hin und wieder kann man auch daraus lernen. In bestimmten Situationen macht er daher durchaus Sinn.
Stellen wir uns einmal folgende Situation vor: Ich schieße auf ein Ziel in einer großen Entfernung. Nun geht der Pfeil mit dem ersten Schuss zu tief. „Ups, ist der weit„, denkt man und hält höher. Und der zweite Schuss geht dann drüber. Wieso, wird man sich fragen. Und oft bleibt die Frage unbeantwortet. Genau hier könnte es aber helfen, mit einem absichtlich gemachten Fehler, Gewissheit zu erlangen, wo nun der tatsächliche Fehler gelegen hat.
Aber der Reihe nach. Es gibt mehrere Situationen, wo es tatsächlich Sinn machen könnte. Man kann es ja einmal selbst versuchen, wenn man sich in der einen oder anderen Situation befindet. Vielleicht braucht es auch dabei etwas Übung. Und man muss auch dazu relativ präzise schießen können. Wer einen Streukreis von zwei Meter auf 20 Meter hat, wird auch mit dieser Methode nicht weiterkommen.
Wann ist es sinnvoll absichtich Fehler zu machen?
Beispiel 1
Man schießt über ein Ziel; kann ja mal vorkommen. Am Ziel sucht man dann den Pfeil. Der muss ja irgendwo sein! Alleine man findet ihn nicht.
Hier könnte man Folgendes machen. Man geht noch einmal zurück zum Abschuss. Diesen sollte man aber kennen. Hat man nicht von einem Pflock geschossen, sondern den Abschusspunkt selbst gewählt, sollte man vorher schon hier einen Pfeil in den Boden gesteckt haben. Oder man hat irgendeine Markierung angebracht. Am Ziel steht ein Kollege, aus Sicherheitsgründen wohlgemerkt hinter einem Baum. Nun schießt man absichtlich genau so weit über das Ziel, wie beim Fehlschuss und der Kollege beobachtet, wo der Pfeil einschlägt. Der Autor dieser Zeilen hat mit dieser Methode schon viele Pfeile wieder gefunden.
Beispiel 2
Wer seinen persönlichen Schussbereich als instinktiver Schütze oder Gap Shooter (viele bezeichnen beides als intuitives Schießen) am Einschussplatz ausschießen will, sollte auch hier gezielt ans Werk gehen. Das ist jener Bereich, in dem man mit seiner Zielmethode ziemlich sicher treffen kann. Man könnte ihn auch als Wohlfühlbereich bezeichnen.
Dazu geht man folgendermaßen vor. Man wählt eine Entfernung, wo man glaubt, dass das der Fall ist, man also relativ sicher treffen kann. Nehmen wir an das wären 45 Meter. Nun schießt man. Trifft der Pfeil, ist alles ok. Zur Sicherheit schießt man noch einen Pfeil, um zu sehen, ob es auch tatsächlich so ist.
Hat man damit die Bestätigung, geht man fünf Meter zurück und schießt wieder. Nun trifft der Pfeil zu tief. Beim zweiten Schuss würde jetzt jeder sofort, ob bewusst oder unbewusst, höher zielen. Man sollte aber hier nicht höher zielen, sondern bewusst genauso schießen, wie zuvor. Man macht also einen bewussten Fehler. Ziel ist es nicht zu treffen, sondern herauszufinden, wo mein persönlicher Schussbereich endet.
Beispiel 3
Ich – als instinktiver Schütze oder Gap Shooter – bin am Parcours und habe bei einer weiten Scheibe drunter geschossen. Was war nun der Fehler?
Dazu sollte man wissen, welche Fehler man hier machen kann. Zum einen kann es die weite Entfernung gewesen sein, die man einfach – bewusst oder unbewusst – unterschätzt hat. Zum anderen kann es aber auch ein Fehler in der Schusstechnik gewesen sein. Man hat einfach zu wenig ausgezogen.
Um nun wirklich herauszufinden, wo der Fehler lag, kann man folgendermaßen vorgehen. Ich schieße noch einmal mit dem gleichen Auszug, mache also absichtlich noch einmal den gleichen Fehler, wenn es dieser war. Dabei muss man aber darauf achten, dass man möglichst den gleichen Auszug bzw. Rückenspannung hat. Trifft nun der Pfeil wieder zu tief, kann man annehmen, dass es der Auszug war. Um das Ergebnis zu bestätigen, schießt man nun mit einer guten Rückenspannung und zielt aber gleich. Trifft der Pfeil nun, war es höchstwahrscheinlich der Auszug, der den Fehler beim ersten Pfeil verursacht hat.
Beispiel 4
Als Systemschütze, der mit der Pfeilspitze oder mit dem Bogenfenster zielt, kann man ähnlich vorgehen. Das betrifft auch Schützen, die nur bei bestimmten Entfernungen – meist sind es extrem weite – auf ein System umsteigen.
Man schießt mit dem ersten Pfeil zu tief. Nun stellt sich auch hier die Frage, war es die falsch eingeschätzte Entfernung oder der fehlende Auszug.
Um das herauszufinden, zielt man beim zweiten Schuss noch einmal mit gleichem Haltepunkt z.B. mit der Pfeilspitze und konzentriert sich auf eine gute Rückenspannung. Man macht also bewusst den Fehler, die Pfeilspitze auf den gleichen Punkt zu halten. Trifft der Pfeil nun in der Höhe, war es der fehlende Auszug. Trifft der Pfeil noch immer zu tief, war es wohl die Entfernung, die man falsch eingeschätzt hat.
Beispiel 4
Ich habe das eine Mal eine Linksabweichung, das andere Mal geht der Pfeil nach links. Wo liegt denn der Fehler?
Man versucht zuerst herauszufinden, was denn der Fehler sein könnte. Bei einer Linksabweichung könnte es sein, dass man beim Lösen immer vom Gesicht weggeht. Um das zu bestätigen, macht man absichtlich solche Fehler beim Schießen; und zwar in unterschiedlicher Stärke. Dabei kann man beobachten, bei welcher Variante das tatsächlich passiert. Es kann ohne weiteres sein, dass eine kleine seitliche Bewegung der Hand beim Lösen keine Auswirkung auf die Richtung hat, eine größere Bewegung sehr wohl.
Es kann auch vorkommen, dass man bei kurzen Distanzen tendenziell immer zu hoch trifft. Ein Grund könnte hier sein, dass man nach vorne löst und dabei das Pfeilende leicht nach unten drückt. Auch hier schießt man absichtlich falsch, um das herauszufinden.
Beispiel 5
Man ist Trainer, Übungsleiter oder auch nur jemand, der anderen etwas beibringen will. Um zu demonstrieren, wie sich Fehler auswirken, kann man absichtlich falsch schießen. Man kann damit gut die Auswirkungen zeigen. Für geübte Schützen ist es aber gar nicht so einfach, wirklich absichtlich etwas falsch zu machen, vor allem wenn man einen stärkeren Bogen schießt. Da ist es besser, man nimmt einen leichteren Bogen.
Die Moral von der Geschicht
Absichtlich Fehler machen hat normalerweise wenig Sinn. In bestimmten Fällen kann es aber durchaus hilfreich sein. Die hier dargestellten Beispiele sind nur eine kleine Auswahl. Wer sich mit solchen Dingen beschäftigt, wird sehr schnell auf andere Möglichkeiten kommen.
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