Das Tal der Tränen: Wege, um besser zu werden

Läuft etwas nicht so, wie man es sich vorstellt, will man es natürlich ändern. „Ich stehe derzeit an", hört man hin und wieder. Auch wer beim Bogenschießen besser werden will, wird unter Umständen feststellen, dass es nur mit einer mehr oder weniger drastischen Änderung in der Schuss- bzw. Zieltechnik funktionieren kann. Aber Änderungen haben so ihre Tücken.

Viele haben ein ungutes Gefühl oder sogar Angst, wenn es darum geht, etwas zu verändern. Das trifft auf alle Lebenslagen und natürlich auch auf das Bogenschießen zu. Selbst bei jenen, die eine Veränderung wollen, ist das ähnlich. Der Verstand sagt, du musst etwas ändern, die Einstellung es zu tun, will aber nicht so richtig aufkommen; vor allem wenn es um sehr große Veränderungen geht.

Wenn jemand feststellt, dass die Ergebnisse nicht besser werden, obwohl man viel schießt und ständig auf Turnieren oder auf Parcours unterwegs ist, dann stellen viele fest: „Ich komme nicht mehr weiter:" Nur wie stellt man das am besten an? Einige versuchen selbst das eine oder andere. Vielen fehlt aber dabei das nötige Know-how oder ein Trainer oder Coach. Und einige entschließen sich in unsere Bogenseminare zu kommen.

Eine Veränderung bedeutet, Altes über Bord zu werfen und sich auf Neues einzulassen. Und dieses Neue ist quasi unberechenbar. Man weiß auch nicht, ob es tatsächlich funktionieren wird. Man weiß nur, dass andere Schützen, die einen bestimmten Schießstil haben, besser und erfolgreicher sind als man selbst. Unter Umständen war der Kollege früher immer schlechter. Man weiß unter Umständen z.B. von Freunden oder Bekannten, dass eine drastische Änderung zu wesentlich besseren Ergebnissen geführt hat.

Wer sich also darauf einlässt, wird sich mit dem Tal der Tränen auseinandersetzen müssen. Nach Elisabeth Kübler-Ross läuft die emotionale Entwicklung bei Veränderungen in fünf Phasen ab. Wer also umlernen will, wird mit diesen Dingen zu tun haben. Und wer dieses Modell kennt, wird weniger Probleme haben, seinen neuen Stil auch beizubehalten. Am Beispiel eines komplett neuen Ankers und Releases sollen die Phasen hier erläutert werden.

PHASE 1: SCHOCK
Je nach Art der Veränderung gibt es als erste Reaktion Euphorie oder Schock. Der neue Anker kann sich gut anfühlen, aber das Trefferbild ist plötzlich extrem schlecht. Man schießt plötzlich immer zu hoch und zu weit links.

Es kommt dabei ganz darauf an, ob die Veränderung gewollt ist, man also froh ist, endlich eine fundierte Anleitung dazu bekommen, es kann aber auch sein, dass sie vollkommen unvorbereitet auf einen zukommt. Das trifft z.B. dann zu, wenn man der Meinung ist, es passt im Großen und Ganzen eh alles. Es braucht eigentlich nur den einen oder anderen Hinweis. Und dann erfährt man von einem Experten, dass der Anker und das Release eigentlich völlig falsch sind. Man wollte eigentlich keine so große Veränderung und ist nun plötzlich mit einer komplett anderen Situation konfrontiert. In meinen Seminaren passiert die zweite Variante öfter als die erste. Die Wenigsten kommen mit der Absicht, völlig umzulernen.

PHASE 2: VERNEINUNG
Nach dem ersten Schock (Ich fühl mich damit nicht wohl und treffe nichts mehr.) kommt oft der Widerstand. Man will die tatsächliche Auswirkung dieser Veränderung nicht wahrhaben. Man lehnt es innerlich ab, weil man die Veränderung gar nicht wollte oder weil die Veränderung größer ist, als man angenommen hat. Man glaubt zudem, nicht das Durchhaltevermögen und die Kraft für die Veränderung zu haben. Das ist quasi ein Selbstschutz.

Der neue Anker und das Lösen fühlen sich so ungewohnt an, dass man ihn eigentlich nicht haben will. Man will eigentlich zum Alten zurück, möchte wieder so schießen wie immer. Man weiß, dass man einigermaßen getroffen hat und sich damit wohl fühlt und wesentlich sicherer ist.

Wer nun alleine, also als Autodidakt, eine große Änderung machen möchte, wird unter Umständen schon hier die ganze Aktion abbrechen. In meinen Seminaren animiere ich aber die Leute, wenigstens eine Zeitlang durchzuhalten. Je größer der persönliche Widerstand gegen das, was nun kommt ist, desto eher besteht die Gefahr, in eine Krise abzurutschen.

Langsam kommt (bzw. sollte kommen) jedoch die Gewissheit und Erkenntnis, dass man es doch probieren will.

PHASE 3: TAL DER TRÄNEN
Man weiß jetzt, dass man umlernen will. Wenn man aber das emotional immer noch nicht will und die ablehnende Haltung einen daran hindert, sich auf die neuen Gegebenheiten einzulassen, gibt es einen starken inneren Konflikt, der einen völlig aus dem Gleichgewicht bringen und zu einer Krise führen kann. In dieser Phase kommt die Verzweiflung.

Man fragt sich, wie es weiter gehen soll, weil man nicht weiß, wie man mit der Situation umgehen soll. Man kann sich nicht vorstellen, wie man das meistern und in Zukunft schießen will. Es ist das Tal der Tränen, der tiefste Punkt im Veränderungsprozess.

PHASE 4: ERKUNDUNG
Irgendwann wird man feststellen, dass es am besten ist, sich mit der neuen Situation anzufreunden. Was vergangen ist, ist vergangen. Man muss nun die alten Verhaltensmuster aufgeben und das Neue üben, damit die neue Schusstechnik besser wird. Wer hier wieder in alte Verhaltensmuster zurückfällt, also zwischendurch mit dem alten Anker schießt, weil man z.B. doch wieder am Parcours treffen möchte, macht einen Schritt zurück. Ein Schritt vor und einer zurück bringt einen nicht weiter.

Es ist eine Suche nach dem inneren Gleichgewicht, dem Weg, um sich wieder in Balance zu bringen und die innere Sicherheit zurückzugewinnen.

PHASE 5: AKZEPTANZ
Wenn sich nun nach einiger Zeit der Anker immer besser anfühlt und sich auch das Trefferbild verbessert (es muss aber noch lange nicht so gut sein, wie am Beginn der Veränderung) wird auch die Akzeptanz steigen. Man hat sich auf die Veränderung eingelassen und ist nun dabei, sie erfolgreich in den Schussablauf zu integrieren. Man hat die schwierige Phase überwunden und gewinnt damit wieder an Selbstvertrauen.

Wie soll es weiter gehen?

Nun kann es nur durch konsequente Umsetzung weiter aufwärts gehen. Man muss jetzt mit der neuen Technik neue Erfahrungen sammeln. Manches wird funktionieren, manches nicht. Jetzt braucht es vor allem Selbstvertrauen, um auch gut mit Rückschlägen umgehen zu können. Aber die Lernkurve wird unter Umständen steil nach oben zeigen, wenn man dranbleibt. Man merkt selbst, dass man jetzt wieder weiter kommen kann. Die Ergebnisse werden besser oder sogar extrem besser.

Jetzt muss man für die neue Routine auch neue Gehirnautobahnen anlegen. Das alte Verhaltensmuster (alter Anker und Release) muss im Unterbewusstsein langsam gelöscht und das neue gleichzeitig etabliert werden. Man wird Sicherheit gewinnen und Erfahrung sammeln.

Veränderung braucht aber Zeit. In unserer schnelllebigen Zeit will man sich die aber oft nicht nehmen. Es hilft aber nur Geduld.

Tal der Tränen:
Die emotionale Entwicklung läuft in 5 Phasen ab.

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