Was macht einen guten Langbogen aus?

Von Hans Miederer, ehemaliger Inhaber vom Falkenholz

Dabei stellt sich immer die Frage, wie wirken sich die technischen Dinge eines guten Langbogens auf die Geschwindigkeit und die Schussruhe aus. Wobei unter letzterem gemeint ist, dass der Bogen auch kleine Fehler des Schützen verzeiht, bzw. die Auswirkung eines Fehlers nicht so gravierend ist. Und Geschwindigkeit alleine wird auch nicht einen guten Langbogen ausmachen. Sondern es ist eigentlich eine vernünftige Kombination aus beiden. Und das nennt man dann Präzision. In der Folge orientiere ich mich an einem IFAA-konformen Langbogen. Dieser ist so definiert, dass im aufgespannten Zustand die Wurfarme eine durchgehende Kurve bilden müssen und nie eine Biegung in die Gegenrichtung haben dürfen.




1) Verarbeitungsqualität

Bogentips
Ist die Bogennocke Fast Flight-tauglich? Bei teuren Bögen ist das selbstverständlich. Feingearbeitetes Auslaufen der Tip-Overlays zum Wurfarm hin ist ein Hinweis auf die Sorgfalt bei der Verarbeitung. Gerade abgeschnittene Nocken evtl. mit einer Stufe sind Zeichen für eine maschinelle Bearbeitung.

Breite und Stärke der Wurfarmenden
Je schmäler und je dünner die Wurfarme sind, desto weniger Masse muss bewegt werden und umso mehr Schussruhe ergibt sich daraus.

Kurvenverlauf der Wurfarme
Die Kurve muss gleichmäßig sein und darf keine Ecken aufweisen, wenn man entlang des Wurfarms schaut.
Verjüngung der Laminate
Laminate müssen vom Griff bis zum Wurfarmende kontinuierlich dünner werden. Je nach Bogenstärke ist das von 2 mm bis rund 0,5 mm pro Laminat.
Mittelteil zum Wurfarm
Das Griffholz (Fade Out) muss sehr fein zu den Laminaten hin auslaufen.
Griff-Overlay
Das Overlay muss sehr fein auslaufen. Gerade abgeschnittene Auflagen evtl. mit einer Stufe sind Zeichen für eine maschinelle Bearbeitung.
Pfeilauflage
Je besser der Bogenbauer sein Handwerk beherrscht, desto weiter ist die Pfeilauflage eingeschnitten. Dabei muss man aber die Regeln der einzelnen Verbände beachten. So darf nach IFAA das Bogenfenster nicht über die Mitte geschnitten sein. Mittelteile, die einem Recurvebogen ähneln, sind daher nicht zulässig. Die Pfeilauflage sollte gewölbt sein, damit der Pfeil möglichst wenig Berührung hat.
Griff
Ein Pistolengriff ist wesentlich aufwendiger als andere Griffvarianten, deshalb findet man verhältnismäßig wenig Langbögen mit ordentlichen Griffstücken.

2) Technische Details

Drei Langbogendesigns:
Drei Langbogendesigns: Je gerader die Wurfarme vom Fade Out bis zu den Wurfarmtips im aufgespannten, nicht gezogenen Zustand sind, desto ruhiger und effizienter ist der Bogen. Links: Schlechtes Design – Rechts: Optimale Variante

Bogendesign
Darunter versteht man die Form eines Bogens. Man sieht das im abgespannten Zustand. Im Wesentlichen kann man zwischen Bögen mit geraden Wurfarmen und Bögen mit einem Reflex-Deflex-Design unterscheiden. Die Frage ist natürlich, was ist besser.

Je gerader ein Wurfarm vom Fade Out bis zu den Wurfarmtips im aufgespannten, nicht gezogenen Zustand ist, desto ruhiger und effizienter ist der Bogen (Bilder Seite 60). Bei allen Tests haben wir diese Erfahrung gemacht. Verbessern kann man das noch um Nuancen, indem man einen Deflex am Ende des Wurfarms einbaut.

Je mehr Reflex-Deflex man im nicht aufgespannten Zustand hat, desto mehr wird das Material vorgestresst. Man sollte hier ein gesundes Mittelmaß in der Vorspannung wählen, wo man die maximale Effizienz erreicht. Überschreite ich einen gewissen Wert an Vorspannung, wirkt sich das nicht mehr unbedingt positiv auf die Wurfleistung aus. Es wirkt sich unter Umständen negativ aus. Das ist im Übrigen auch beim Recurve ähnlich. Ich empfehle daher einen Langbogen mit eher weniger Reflex-Deflex, weil er dadurch ruhiger schießt. Man kann hier ruhig auf einige FPS verzichten zu Gunsten der Schussruhe.

Bogenlänge
Hier muss man auch das Verhältnis zwischen Mittelteil und Wurfarmen betrachten. Ein guter Langbogen sollte ein Mittelteil mit rund 55 Zentimeter (22 Zoll) Länge haben. Die Gesamtlänge des Bogens für einen normalen männlichen Schützen wären dann 68 Zoll. Bei längeren Bögen müsste dann auch das Mittelteil etwas länger sein. Länger als 70 Zoll macht aber wenig Sinn, auch wenn wir hin und wieder auch solche Bögen bauen. Und kürzer als 66 Zoll sollte er auch nicht sein.

Auszugslänge
Die Auszugslänge ist auch vom Gesamtdesign abhängig. Bei einem kurzen Bogen mit z.B. 66 Zoll wäre ein maximaler Auszug von 28,5 Zoll noch ok. Zieht man weiter, wird der Bogen sehr hart, fängt also zu „stacken„ an. Wenn man einen längeren Auszug hat, sollte man dann schon zu einem 68er greifen. ...mehr

So komisch das jetzt klingen mag. Aber aus Sicht eines Bogenbauers kann man Stacking eigentlich nur über die Länge des Bogens verhindern. Das trifft aber eher wenige, die so einen langen Auszug haben.

Wurfarme und Werkstoffe
Es gibt verschiedene Varianten, wie Wurfarme aufgebaut sein können. Wir verwenden ja moderne Materialien, wie Glas und Carbon. Nach meinem Dafürhalten ist die beste Variante, indem man auf der Rückseite (dem Schützen abgewandte Seite) Carbon und auf der Vorderseite (dem Schütze zugewandte Seite) Glas aufbringt. Ob unter dem Glas noch Furnier drunter ist, spielt eigentlich keine Rolle. Mit dieser Bauweise kann man leichtere Wurfarme bauen, man erhöht die Torsionssteifigkeit, man bekommt mehr Präzision in den Wurfarm.

Wer auf beiden Seiten Carbon hat, wird immer Probleme haben. Carbon reagiert nämlich auf Zug sehr gut, auf Druck aber absolut nicht. Mit so einer Bauweise hat es schon so manchen Bogen zerrissen. Auch Carbon in der Mitte des Wurfarms bringt eigentlich nichts.

Mittelteil und Mittelachse
Die Länge des Mittelteils hängt, wie schon oben beschrieben, vom Verhältnis Mittelstück zu Wurfarmen ab. Ist das Mittel zu lang und die Wurfarme zu kurz, fehlt beim Schuss die Biegung und er wird dadurch sicher nicht schneller. Auch halte ich von der Aussage nichts, dass kürzere Bögen besser werfen als längere. Je nach Auszugslänge sollte es in einem vernünftigen Verhältnis sein. Also 55 Zentimeter Mittelteil zu 68 Zoll Gesamtlänge.

Und je gerader der Wurfarm vom Mittelteil weggeht, also wenig Reflex hat, desto ruhiger schießt der Bogen. Alle unsere Tests haben das immer wieder ergeben: Möglichst kein Reflex und nur Deflex.

Bei der Mittelachse muss man sich auch an die Regeln der Verbände halten. Wir schneiden das Bogenfenster so weit zur Mitte, dass der Pfeil genau an der Mittelachse anliegt. Damit ist der Pfeil nicht genau in der Mitte. Dazu braucht man aber ein Mittelteil, das gut gebaut ist.

Es gibt in der Zwischenzeit die klassische Form des Mittelteils und Varianten, die eher an einen Recurve erinnern. Ich würde immer letzteres empfehlen, weil man hier sehr viel Masse verbauen kann und ein großes Schussfenster hat. Um den Regeln zu entsprechen, muss es von unten (von der Pfeilauflage) nach oben (zum Wurfarm) auslaufen.

Tiller
Was beim Recurve ein großes Thema ist, ist beim Langbogen natürlich auch ähnlich. Der Tiller ist der Abstand vom Wurfarm am Ende des Fade Outs zur Sehne. Der obere Abstand ist um 2 bis 5 Millimeter größer. Der untere Wurfarm steht damit etwas steiler an als der obere.

Bogenstärke
Natürlich hängt das von der Kraft des Schützen ab. Wer mit einem Bogen eine bestimmte Anzahl Pfeile, auch mit Rückenspannung, schießen will, muss darauf Rücksicht nehmen. Leider muss man bei Turnieren mit Holzpfeilen schießen, was gewichtsmäßig ein großer Nachteil ist. Mit einem leichten Carbonpfeil hätte man unter Umständen im Vergleich zu einem Recurve nur 3 Prozent Geschwindigkeitsverlust.

Wenn ein Mann nur 30 Pfund ziehen kann, sollte man darüber nachdenken, einen Recurve oder Hybrid zu schießen. Mit Holzpfeilen sind 30 Pfund bei einem Langbogen zu wenig. Es müssten dann meiner Meinung nach schon 35 bis 37 Pfund mindestens sein. Für Frauen, die ja leichtere 5/16-Zoll dicke Pfeile schießen können, würde ich mindestens 30 Pfund empfehlen. Wer dieses Zuggewicht nicht oder noch nicht schafft, sollte lieber etwas warten, und sich erst später einen guten Langbogen zulegen. Der kostet ja schließlich doch etwas. ...mehr

Standhöhe
Grundsätzlich gilt, dass ein niedrig aufgespannter Bogen etwas schneller ist. Ich bin der Meinung, dass ich damit – entgegen so mancher Expertenmeinung – die Schussruhe sogar erhöhe. Dadurch wird nämlich der Wurfarm nicht so sehr vorgespannt bzw. vorgebogen. Es ist ähnlich wie bereits oben beim Thema Reflex-Deflex beschrieben. Letztendlich ist es aber Geschmackssache. Wir empfehlen eine Standhöhe von 7,5 bis 8 Zoll, gemessen vom tiefsten Punkt im Griff zur Sehne. Unsere Bögen kann man aber auch mit 6 Zoll schießen.

Bogengewicht
Ein schwerer Bogen ist natürlich ruhiger im Schuss. Das Gewicht hängt logischerweise vom Material ab. Man kann Zusatzgewichte verbauen oder aber ein sehr schweres Material verwenden. Wir verwenden HD-Wood, was ein sehr hohes spezifisches Gewicht hat. Dazu ist es noch sehr stabil. Damit kommen wir auf ein Bogengewicht zwischen 1.500 und 1.800 Gramm.

Die Schussruhe ist aber nicht alleine vom Gewicht abhängig. Es ist immer die Gesamtgeometrie des Bogens entscheidend. Die Frage ist immer, wie viel Restenergie geht in den Bogen und wie geht sie hinein. Ideal ist es, wenn sie in Richtung Mitte des Griffstücks geht.

Sehnenmaterial
Ein guter Langbogen muss jedes Sehnenmaterial aushalten. Ich empfehle Fast Flight Plus. Wir machen mit diesem Material nur dreifach gespleißte Sehnen. Das hat den Vorteil, dass die Sehne runder und ausgeglichener ist. ...mehr

Griff
Es gibt einfache, gerade Griffe und extreme Pistolengriffe. Ich würde einen Griff empfehlen, wo ich mich wohlfühle. Es sollte nur nicht ein zu extremer Pistolengriff sein.

Pfeilgewicht
Ein guter Langbogen muss alle Pfeilgewichte aushalten. Er muss sich immer noch ruhig schießen lassen und darf keinen Handschock haben, auch wenn er mit sehr leichten Pfeilen geschossen wird. Oft wird angegeben, dass man mit dem Pfeilgewicht nicht unter 9 Grain pro Pfund gehen darf. Das kommt höchstwahrscheinlich von den Bogenbauern, die Bögen mit einem sehr großen Handschock gebaut haben und deshalb ein hohes Pfeilgewicht vorgeben, um den Schock zu mildern. Nehme ich nämlich schwere Pfeile kann ich bei einem schlechten Langbogen auch eine gewisse Schussruhe erreichen.

Man erkennt, ob das Pfeilgewicht zu gering ist, am Geräusch. Wird der Bogen zu laut, habe ich den Punkt erreicht, ab dem leichtere Pfeile nicht mehr sinnvoll sind. Der Bogen ist zwar laut, schießt sich aber immer noch ruhig. Wir geben kein Pfeilgewicht vor. Es ist nämlich die Aufgabe des Bogenbauers, einen Bogen zu bauen, der sich mit leichten Pfeilen immer noch geil schießt. ...mehr

3) Was macht einen Langbogen teuer?

Vor allem die Entwicklung eines Bogens ist sehr teuer, man muss neue Dinge entwickeln und ausprobieren. Das dauert und kostet. Auch muss man ständig Tests durchführen und experimentieren. Was macht den Wurfarm leichter, was stabiler usw. Diese Kosten fließen natürlich dann in den Preis ein. Der Bogenschütze kennt in der Regel nur das fertige Produkt und weiß nicht, wie der Bogen entwickelt wurde. Die Entwicklung kann dann schon ein Jahr dauern.

Natürlich kostet auch bei uns die Produktion mehr wie im Ausland, wo die Lohnkosten wesentlich niedriger sind. Wir machen zwar viel mit Maschinen, aber es ist trotzdem viel Handarbeit notwendig. Die modern ausgestattete Werkstatt mit den Maschinen und auch die Software muss ständig gewartet und auf dem neuesten Stand gehalten werden. Natürlich schlägt sich auch die präzise und saubere Verarbeitung bis ins kleinste Detail in den Kosten nieder. Aber Schützen, die all diese Dinge zu schätzen wissen, ist auch bewusst, dass solche Bögen etwas mehr kosten.

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