Traditionell, instinktiv oder doch intuitiv

Artikel von Dietmar Vorderegger erschienen in "3-D BOGENSPORT (2/2016)"
Traditionelles, instinktives oder doch intuitives Bogenschießen

Begriffe gibt es genug. Alleine es fehlt eine eindeutige Zuschreibung von Inhalten. Da jeder offensichtlich etwas anderes in die Begriffe hineininterpretiert, gibt es natürlich eine gewisse Unsicherheit, wenn darüber diskutiert wird. Hier soll der Versuch unternommen werden, Definitionen einzelner Meinungsbildner im traditionellen Bogensport darzustellen.

Da schwirren immer wieder die Begriffe „traditionelles Bogenschießen“, „instinktives Bogenschießen“, „intuitives Bogenschießen“, „meditatives Bogenschießen“ oder „einfaches Bogenschießen“ herum. Oft muss man feststellen, dass die Beteiligten selbst nicht genau wissen, was damit gemeint ist. Oder sie übernehmen einfach die Inhalte von irgendeinem Guru. Dann fällt die Definition der jeweiligen Begriffe noch wesentlich schwerer. Da gibt es dann Aussagen wie: „Heute schieß ich mal instinktiv.“ Und auf die Frage, was damit gemeint sei, kommt die Antwort, dass heute mal kein Visier am Bogen ist. Auch muss man feststellen, dass es hier viel Interpretationsspielraum gibt.

Die Bezeichnungen als Überbegriffe

Der Begriff „instinktives Bogenschießen“ wurde sicher von Fred Asbell hierzulande populär gemacht. Obwohl der Begriff „instinktiv“ eigentlich etwas anderes bezeichnet, nämlich „angeboren“, wird er auch im Deutschen oft gleich verwendet. „Instinktives Schießen“ bezeichnet Asbell als das Schießen ohne bewusstes Zielen. Durch Training wird die dazu nötige Hand-Auge-Koordination erworben. Bei ihm geht es aber hauptsächlich um den Bewegungsablauf, vom Stand bis zum Nachhalten. Um einen Punkt zu treffen, muss man sich durch viel Übung die nötige Koordination der Bogenhand antrainieren. Damit ist wohl auch gemeint, dass der richtige Abschusswinkel gefunden wird. Und Asbell sagt auch richtigerweise, dass man auch mit einem Compound instinktiv schießen kann.

Wikipedia klärt hingegen auf, dass die Begriffe „traditionelles Bogenschießen“ und „instinktives Bogenschießen“ häufig synonym gebraucht werden und bezeichnet das Bogenschießen ohne Bogenvisiere oder andere technische Zusatzausstattung am Bogen als solches. Die Bezeichnung „traditionelles Bogenschießen“ bezieht sich auf die Bauweise von Pfeil und Bogen, die sich häufig an historische Vorbilder anlehnt. Dagegen bezieht sich die Bezeichnung „instinktives Bogenschießen“ auf die instinktive Schießtechnik und oft sind auf Bogenturnieren, auf denen „instinktiv“ geschossen wird, sogar Schießtechniken wie das Stringwalking oder Facewalking nicht erlaubt. Andererseits kann auch mit technisch hoch entwickelten modernen Bögen, wie dem Compoundbogen, instinktiv geschossen werden (vgl. Wikipedia: Traditionelles Bogenschießen, abgerufen 25. 5. 2016). Hier wird also die Bauweise von Bögen und Pfeile als traditionell bezeichnet. Da dürften also Bögen mit Metallmittelteilen, wie sie auch bei der IFAA (International Field Archery Assn.) in der Bowhunter Recurve-Klasse geschossen, nicht darunter fallen. Und instinktiv wird als Schusstechnik, also als Bewegungsablauf beschrieben. Hier muss auch dazugesagt werden, dass die Verfasser nicht unbedingt die besten Fachleute sind und fachliche Änderungen und Ergänzungen mit einer Sperrung des Schreibzuganges auf Wikipedia bestraft werden.

Henry Bodnik hingegen beschreibt „instinktives Bogenschießen“ wie folgt: „Bei mir kommen da ganz klare Vorstellungen und Gefühle an! Lagerfeuerromantik, ein wilder Fluss, Fred Bear, Bogenjagd und wilde und unberührte Natur. Da kommt ganz klar das Gefühl von Freiheit und Abenteuer an“ (vgl. Instinktives Bogenschießen ist kein Mythos, in Bogensport Magazin 3/2016, S. 40f). Dabei stellt Henry auch klar, dass der Begriff historisch gewachsen ist und er ihn deshalb als Überbegriff verwendet.

Blacky Schwarz übernimmt im Wesentlichen die Definition von Fred Asbell. Beim „instinktiven Schießen“ benutzt der Bogenschütze lediglich seine Hand-Auge-Körper Koordination und sein unterbewusstes Gedächtnis, um seinen Pfeil ins Ziel zu lenken. Mit anderen Worten, der Schütze schießt seinen Pfeil auf den Punkt, den er konzentriert anschaut, ohne dabei die Entfernung zu diesem Punkt bewusst zu schätzen und ohne dabei Hilfsmittel wie ein Visier oder Referenzpunkte zu benutzen. (vgl. www.blackysarchery.com/instinktives-schiessen/teil1.htm, abgerufen 25. 5. 2016). Hier wird also sowohl Schusstechnik als auch Zieltechnik, wenn auch sehr unpräzise subsumiert.

Ich selbst sehe den Begriff „traditionelles Bogenschießen“ als Überbegriff. Damit ist sowohl die Art des Bogens, die Schusstechnik als auch die Zieltechnikgemeint. Der Bogen darf keine Visierhilfen und keine Umlenkrollen haben. Die Materialien und die Form sind dabei unwesentlich. Unter Schusstechnik wird der reine Bewegungsablauf verstanden. Und als Zieltechnik bezeichne ich Techniken, wie der Bogenarm und damit der Pfeil in den richtigen Abschusswinkel gebracht wird.

Neu eingeführt wurde in den letzten Jahren der Begriff „intuitives Schießen“. Dies hauptsächlich wohl deshalb, weil einige darauf gekommen sind, dass der Instinkt ja angeboren ist und es sich hier aber um eine Technik bzw. Techniken des Schießens handelt, die man „aus dem Bauch heraus“ anwenden kann. Schaut man sich die Definitionen hier an, muss man feststellen, dass sehr oft einfach nur der Begriff geändert wurde, aber „instinktives Bogenschießen“ damit gemeint ist. Administrator Bard auf Free Archers: „Intuitiv Schießen funktioniert rein über eine unterbewusste Hand-Auge-Koordination - die Flugbahn des Pfeils prägt sich im Laufe der Zeit ins Hirn ein und wird bei Bedarf automatisch abgerufen.“ Henry Bodnik meint dagegen, dass beim „intuitiven Bogenschießen“ die oben beschriebene Romantik fehlt und der Begriff nur erfunden wurde, um Kunden, Klienten oder Patienten zielgenau erreichen zu können.

Auf den Aspekt, dass die Art des Bogens, der reine Bewegungsablauf (Schusstechnik) und der Bogenarm und damit der Pfeil in den richtigen Abschusswinkel gebracht werden muss (Zieltechnik) geht hier niemand ein.

Traditionelles Bogenschießen und seine Teilmengen

Wie bereits oben ausgeführt, differenziere ich wesentlich stärker als die meisten Fachleute, oder die sich dafür halten. Für mich sind drei Aspekte von Bedeutung, wobei viele der oben vorgestellten Argumente für mich nur Unterpunkte vom „traditionellen Bogenschießen“, wie z.B. „instinktives Schießen“ sind.

Das Equipment

Das „traditionelle Bogenschießen“ setzt keine Tradition fort, weder die englische noch die asiatische. Am ehesten noch die Selfbows oder Historical Bows, sofern sie genau nach Vorbildern gefertigt sind, was aber selten der Fall ist. Ein traditioneller Bogen hat keine Zieleinrichtungen und keine Umlenkrollen, wie ein Compound. Damit fallen alle Lang- und Recurve- und Selfbögen, egal aus welchem Material sie gefertigt sind, darunter; auch ein High Tech-Recurve ohne Visier.

Die Schusstechnik

Hier ist der reine Bewegungsablauf gemeint. Stand einnehmen, die Hände positionieren, Auszug, Anker, Rückenspannung und Lösen sind im Wesentlichen damit gemeint. Wenn man drei Grundregeln beherzigt, gibt es eine Unmenge an individuellen Stilen. Diese drei Grundregeln oder Basics sind:

Immer gleicher Stand und Körperhaltung. Auch wenn es im Gelände nicht immer möglich ist, sollte man sich doch bemühen, dem möglichst nahe zu kommen.
Immer gleicher Auszug.
Die Zughand geht nach dem Lösen genau in die Gegenrichtung des Pfeilfluges.


Wer schon mal mit geschlossenen Augen auf kurze Distanz geschossen hat, weiß, dass er hier die reine Schusstechnik und nichts als diese trainiert wird.

Die Zieltechnik

Damit ist die Fähigkeit gemeint, den Bogenarm und damit den Pfeil in den richtigen Abschusswinkel zu bringen. Das kann in unterschiedlichster Art und Weise geschehen. Man kann es systematisch machen, aber auch aus dem Bauch heraus oder mit dem Unterbewusstsein. Ich unterscheide mehrere Zieltechniken, wobei „instinktives Schießen“ nur eine Zielvariante ist. Vorauszuschicken ist, dass es Zielen und Visieren gibt. Jeder muss zielen. Hingegen visieren nicht alle, sondern nur Systemschützen.

„Systemschießen“ hat mit Instinkt oder Intuition überhaupt nichts zu tun. Dabei wird die Pfeilspitze unter, in oder über das eigentliche Ziel gehalten. Der Schütze muss die Entfernung zum Ziel schätzen können und den Wert über oder unter dem Ziel wissen, auf den die Pfeilspitze gehalten wird. Eine andere Möglichkeit besteht darin, das Bogenfenster zum Visieren zu verwenden.

Beim „instinktiven Schießen“ wird das Unterbewusstsein zum Zielen verwendet. Dabei muss zwischen unbewusst und unterbewusst unterschieden werden. Unbewusst ist im Wesentlichen angeboren, unterbewusst gelernt. Wer sich erschrickt, macht das unbewusst, wer eine Treppe hoch steigt, macht das unterbewusst. Diese Zieltechnik müsste eigentlich genau „unterbewusstes Zielen“ heißen. Hier wird im Unterbewusstsein quasi eine Tabelle mit der gefühlten Entfernung in der einen Spalte und dem Abschusswinkel in der anderen Spalte angelegt. Sieht man nun das Ziel, geht der Bogenarm automatisch in die richtige Position. Das ist eigentlich diese Hand-Augen-Koordination von der Fred Asbell spricht. Um das allerdings zu beherrschen, braucht es viel Zeit und Übung.

Eine weitere Art, mit einem traditionellen Bogen zu zielen, nennt sich „Gap Shooting“. Unter Gap versteht man den Bereich zwischen Pfeilspitze und eigentlichem Ziel. Der Fokus liegt auf dem Ziel und gleichzeitig auf dem Bereich zwischen Ziel und Pfeilspitze. Dies ist, genau betrachtet, die Flugbahn des Pfeils. Man versucht dabei also gefühlsmäßig herauszufinden, wie hoch der Bogenarm und damit der Pfeil stehen muss, damit die Flugbahn ungefähr das Ziel treffen kann.

Daneben mag es noch eine Reihe anderer Zielmethoden geben. Man kann oft nur staunen, auf welche Ideen die Leute da kommen. Aber wenn es darum geht, den Abschusswinkel einzustellen, ist es für mich immer nur eine Zieltechnik im Rahmen des „traditionellen Bogenschießens“.

Resümee
In meiner Definition mit dem Überbegriff „traditionelles Bogenschießen“ kann man eigentlich alle Sichtweisen unterbringen. Wer den Spirit oder Lagerfeuerromantik haben will, nimmt den geeigneten Bogen und schon passt´s. Wer aus dem Bauch heraus schießen möchte, verwendet die Zieltechnik Gap Shooting. Und wer eher instinktiv schießen möchte, zielt eben nach der oben beschriebenen Methode.
Bei den Begrifflichkeiten gibt es leider derzeit ein wahres Babylon. Es wäre vielleicht mal an der Zeit, dass sich die Meinungsbildner diesbezüglich einigen und per Definition vorgeben, was unter den einzelnen Begrifflichkeiten zu verstehen ist. Da aber viele diese Begriffe als ihr Markenzeichen verwenden, wird das wohl nie geschehen.
Aber bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt.


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