Bogenstärke


Bogenstärke beim traditionellen Bogenschießen

Artikel von Dietmar Vorderegger erschienen im Bogensport Journal 1/2005


Als ich im Jahr 1990 mit dem traditionellen Bogenschießen begonnen habe, war ein richtiger Bogenschütze nur jemand, der 70 Pfund ziehen konnte. Den Anfängern wurde geraten, mit 55- oder 60-Pfund-Bögen zu beginnen und bei einigen Turnieren durfte man nur mitschießen, wenn man mindestens 54 Pfund auf die Federwaage brachte.

Die Zeiten haben sich Gott sei Dank geändert. Immer mehr traditionelle Schützen beherrschen ihr Metier und damit hat sich auch die allgemeine Meinung durchgesetzt, dass ein starker Bogen nicht unbedingt gut für die Gelenke ist und die Feinmotorik auch sehr darunter leidet. Ganz abgesehen von der Meinung, dass nur mit einem starken Bogen die Flugbahn flacher wird. Die Tatsache, dass eine flache Flugbahn wesentlich besser und effektiver über das Pfeilgewicht erreicht werden kann, setzt sich allmählich in den Köpfen der Schützen fest.

Wie groß soll aber nun das Bogenzuggewicht sein? Dazu muss man prinzipiell unterscheiden, wer einen Bogen schießen will. Anfänger werden zuerst zu einem relativ leichten Bogen greifen, Fortgeschrittene brauchen sicher einen stärkeren.

Immer wieder kommen Leute in unseren Verein, die sich die Sache mal anschauen wollen. Bei „Interessenten“ ist oft schon ein 20-Pfund-Bogen zu schwer. Leider ist es fast nicht möglich, leichtere Bögen zu finden, wo der Pfeil dann auch noch zehn Meter fliegt.

Bei Anfängern, die ernsthaft mit dem traditionellen Bogenschießen beginnen wollen, raten wir zuerst immer zu einem gebrauchten Bogen oder Leihbogen um die 30 Pfund. Für zarte Frauen können es auch nur 25 Pfund sein. Wird einigermaßen häufig geschossen, entwickelt sich die Muskulatur und jede/r merkt selbst, dass er/sie einen stärkeren Bogen braucht.
Bei Fortgeschrittenen ist die Sache schon schwieriger. Hier ist zunächst einmal zu fragen, was man mit dem Bogen vorhat. Die Bogenjagd fällt bei den meisten weg, also ist die Durchschlagskraft hierzulande kein Thema.

Flugbahn
Damit ist eigentlich nur mehr die Entfernung und damit die Flugbahn der entscheidende Faktor. In der Halle mit einem Langbogen oder Recurve um die 60 Pfund zu schießen ist ein Humbug. Auch wenn ich selbst in Ermangelung eines leichteren Bogens oder vielleicht auch aus Faulheit, mich auf solche Situationen einzustellen, mit einem 60-Pfünder auftauche. Schießt man mit traditionellem Equipment Hallenturniere, wäre ein Bogen mit 30 Pfund ausreichend. Man trainiert mit 60 Pfund und schießt mit 30. Die Technik muss dann zwangsläufig wesentlich besser sein. Wird in der Halle im Winter nur trainiert, wird man sicher immer den „normalen“ Bogen verwenden.

Bei 3-D-Turnieren liegen in Österreich und Deutschland die meisten Ziele unter 35 Meter. Dazu bräuchte man eigentlich auch noch keinen starken Bogen. Bei einigen Turnieren geht es aber doch ziemlich weit und wer ein internationales Turnier der IFAA (Intern. Field Archery Assn.) geschossen hat, wird sofort merken, dass man hier nur mehr mit relativ starken Bögen zum Ziel kommt; und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Ein Bogen kann für einige Schüsse genau das ideale Zuggewicht haben. Schießt man aber 100 Pfeile, wird die Muskulatur müde, man verliert zusehends die Kontrolle über den Schussablauf und die Präzision ist dahin. Das heißt auch, dass ich nicht unbedingt nur den Bogen an mich, sondern mich an den Bogen anpassen muss; durch Training versteht sich.

Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten. Beim Trainieren oder Üben sollte man von Zeit zu Zeit testen, ob man in der Lage ist, die dreifache Anzahl von Pfeilen, die man üblicherweise im Turnier schießt, technisch sauber ins Ziel zu bringen. Ein guter Schütze schießt bei einem 28-Scheiben-Turnier vielleicht 33 Pfeile, ein schwächerer Schütze unter Umständen 70 oder mehr. Wird man dabei so müde, dass der Streukreis der Pfeile immer größer wird, ist das ein Indiz dafür, dass man die Kraft für den Bogen nicht hat. Damit ist auch klar, dass ein guter Schütze einen stärkeren Bogen schießen kann.

Daraus ergibt sich die Tatsache, dass zum Trainieren und Üben auch Krafttraining gehört. Jemand der jeden Tag 100 Pfeile schießt, wird kein gesondertes Training brauchen. Jemand der nur zu Turnieren geht, wird unter Umständen für die Kraft etwas tun müssen. Das ist eigentlich recht einfach. Der Bogen hängt aufgespannt an der Wand und man zieht ihn mehrmals am Tag - wenn man gerade vorbei kommt - 10- bis 20-mal. Ich persönlich verwende dazu nicht meinen 60-Pfünder, sondern einen mit 70 Pfund. Die Idee dahinter ist, dass man die Kraft für 70 Pfund besitzt, dann aber im Turnier einen leichten Bogen schießt. Damit ist die Technik wesentlich feiner.

Langbogen vs. Recurve
Die Leistungen beider Bogentypen sind unterschiedlich. Auch wenn moderne Langbögen heute mit 10 Pfund weniger die gleiche Leistung bringen wie Bögen, die zehn Jahre und älter sind, ist der Unterschied zwischen Langbogen und Recurve beträchtlich.

Ein Langbogen ist in jeder Phase des Schusses ein langer Bogen. Er schiebt beim Abschuss zuerst stark an, lässt aber zusehends nach. Auch sind die Holzpfeile relativ schwer.
Ein Recurve ist zuerst einmal ein kurzer Bogen. Zieht man ihn auf, wird er ein langer Bogen. Beim Abschuss schiebt er zuerst mächtig wie ein Langbogen an. Dadurch, dass die Sehne an den Wurfarmen anliegt, wird er während des Schusses zu einem kurzen Bogen und gibt sozusagen noch einmal „Gas“. Dazu kommt, dass Alu- und Carbonpfeile wesentlich leichter sind als Holzpfeile.
Damit kann man aus einem Recurve die gleiche Leistung herausholen, wie aus einem 15 Pfund stärkeren Langbogen. Somit muss ein Recurveschütze rund 10% mehr Punkte erzielen wie ein gleich guter Langbogenschütze; und das auch bei kürzeren Entfernungen. Zum einen weil das Equipment besser ist, zum anderen weil man mit einem leichteren Bogen eine feinere Technik schießen kann. Das gleiche trifft sinngemäß auch auf Langbogen und Selfbogen zu.

Was heißt zu hohes Zuggewicht?
Welcher Bogen ist nun zu stark? Ist es einer mit 50 oder mit 75 Pfund? Eine generelle Aussage kann man dazu nicht treffen. Die Antwort darauf muss jeder für sich finden. Dazu einige Gedanken.
1. Der Körperbau ist noch lange kein Indiz dafür, welchen Bogen man schießen soll. Oft können geübte Frauen einen stärkeren Bogen schießen, als so mancher „Kraftlackel“. Der Bogenbauer Helmut Eder zum Beispiel hat jahrelang 100 bis 120 Pfund geschossen; und er sieht wahrlich nicht aus wie Arnold Schwarzenegger.

2. Wie oft man den Bogen ziehen kann ist entscheidend. Nur regelmäßiges Trainieren hilft dabei. Bestimmte Muskeln im Rückenbereich sind normalerweise auch bei kräftigen Menschen nicht ausgeprägt.

3. Es darf nicht heißen: Das ist gut oder das ist schlecht. Es gibt zwar Faustregeln, wie stark ein Bogen sein soll. Letztendlich muss man sich aber selbst wohl fühlen und mit dem Bogen schießen können. Würde es funktionieren, hätte ich keine Probleme, mit einem 35-Pund-Bogen ein Turnier zu schießen.

4. Versuche nicht dein Ego zu befriedigen, indem du einen gleich starken Bogen schießt wie dein Freund, dein Vorbild oder sonst wer. Wenn du dich mit 45 oder 50 Pfund wohl fühlst, ist das auch gut.

5. Ein oder zwei Schüsse mit einem Bogen sagen eigentlich gar nichts aus. Will man wirklich wissen, wie einem ein Bogen passt, muss man schon einige Tage damit schießen. Wie oft kommt es vor, dass jemand einen Bogen im Geschäft einige Male schießt und zu Hause dann drauf kommt, dass es doch nicht das Richtige war.

6. Erwischt man am Anfang einen zu leichten Bogen, kann man trotzdem ein guter Schütze werden. Leute, die mit einem zu starken Bogen beginnen, lernen dadurch die Technik nicht richtig und werden den Bogen nie gut schießen. Also lieber zu leicht als zu stark.


Der Elchtest
Um festzustellen, ob man einen zu schweren Bogen hat, gibt es mehrere Möglichkeiten. Eine unkonventionelle Methode, das herauszufinden, nenn ich den Elchtest. Ist man in der Lage, einen Bogen in dieser Position in vollen Auszug zu bringen, weiß man, dass der Bogen nicht zu stark ist.
Dazu zielt man mit dem Bogen kerzengerade nach unten. Man streckt das rechte Bein durch, das andere beugt man. Nun legt man die Bogenhand an die Innenseite des linken, abgewinkelten Knies. Dann zieht man den Bogen bis zum Anker. Kann man ihn so mindestens fünfmal ziehen, ist das ein Indiz dafür, dass der Bogen passt. Wenn nicht, muss man sich um einen neuen um schauen.

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