Target Panic nach Kidwell


Target Panic ist ein Problem, mit dem jeder Bogenschütze zu tun haben kann. Bernie Pellerite, ein amerikanischer Coach, behauptet, dass rund 97% daran leiden. Jay Kidwell, ein Psychologie-Professor aus Kentucky, hingegen meint, dass nur wenige damit zu tun haben.

Grund für diese diametral entgegengesetzte Ansicht dürfte wohl die Definition von Target Panic sein. Pellerite definiert Target Panic als unvollständiges oder fehlerhaftes Programm im Unterbewusstsein, das den gesamten Schussablauf regelt. Damit gibt es sehr viele Symptome, wie sich Target Panic zeigen kann: Nach der oben dargestellten Definition gehört also alles, was vom normalen Schussablauf abweicht, in diesen Bereich. Wobei hier Abweichungen gemeint sind, die man ohne es zu wollen macht. Werden dann Handlungen, also der Schussablauf, bewusst ausgeführt, ist das Bewusstsein überfordert und es kommt zu den bekannten Fehlern. Target Panic zeigt sich in den unterschiedlichsten Formen: Zu frühes Lösen, Lösen vor Erreichen des Ankerpunktes, den Auslöser durchreißen, beim Release die Hand vom Gesicht wegreißen u.v.m. Dabei haben wirklich alle Bogenschützen, vom Selfbow- bis zum FITA-Compoundschützen, mit diesen Phänomenen zu kämpfen.

Für Kidwell zeigt sich Scheibenangst nur darin, dass ein Schütze den Pfeil zu früh loslässt, bevor man entweder im Ziel ist oder bevor man im vollen Anker ist. Damit ist für ihn das das Hauptproblem beim Thema Target Panic.

Der Grund für Target Panic
Schaut man im Internet unter dem Stichwort „Target Panic“ nach, wird man eine große Zahl von Seiten finden, die sich damit beschäftigen. Dabei fällt aber auch auf, dass bei vielen Beiträgen der eigentliche Grund dafür kein großes Thema ist. Da werden Gründe genannt, wie ein zu starker Bogen, die fehlende Konzentration oder die Angst daneben zu schießen.

Vielen Bogenschützen ist es wichtig, dass sie ihre Scheibenangst los werden. Da ist es nicht so wichtig, was der eigentliche Grund ist oder war. Auch wenn man das Folgende nicht versteht, kann jeder in der Lage sein, die Scheibenangst zu überwinden. Die folgenden Ausführungen nur zu lesen ist meiner Meinung nach zu wenig. Hier muss man die Dinge auch durchdenken! Versteht man aber den wirklichen Grund, ist es umso leichter, effektive Strategien zur Beseitigung zu entwickeln.

Der wahre Grund: Klassische Konditionierung
Das klassische Konditionieren oder Signallernen gilt als eine grundlegende Lernform, sie wird auch als die „einfachste Lernart“ bezeichnet. Basis für diese Art des Lernens bilden angeborene Reflexe, wie z. B. der Lidschlag, die Speichelabsonderung oder der Fluchtreflex.

Der russische Physiologe und Nobelpreisträger Iwan Pawlow (1849-1936) war der erste, der das Phänomen der klassischen Konditionierung beschrieb. Pawlow studierte den Verdauungsapparat des Hundes. Er wusste, dass Hunde bereits beim Anblick und Geruch von Nahrung mit einer erhöhten Produktion von Speichel im Maul reagieren. Er beobachtete jedoch, dass auch bestimmte andere Reize, wie z. B. der Anblick des Futternapfes, bei einem Hund die gleiche Reaktion hervorriefen. Iwan Pawlow stellte sich dann die Frage, ob sich dieses Phänomen auch experimentell wiederholen ließe, was er in einer Serie von Versuchen an Hunden prüfte.

Der Hundeversuch von Pawlov
Hunde reagieren auf den Anblick von Futter mit einer vermehrten Speichelbildung. Dabei handelt es sich um einen natürlichen, angeborenen Reflex. Der Reiz Nahrung, der auch als unkonditionierter Reiz oder unkonditionierter Stimulus (UKS) bezeichnet wird, löst die Reaktion Speichelfluss aus, die man unkonditionierte Reaktion (UR) nennt.

Pawlow verwendete bei seinen Versuchen ein Klingelzeichen, das für den Hund ein neutraler Reiz war, auf den dieser natürlich nicht mit Speichelbildung reagierte.

Pawlow arrangierte sein Experiment nun so, dass unmittelbar vor der Verabreichung des Futters stets ein Klingelzeichen ertönte. Das Versuchstier reagierte beim Anblick oder Geruch des Futters mit vermehrtem Speichelfluss.
Nachdem Pawlow den Vorgang einige Male wiederholt hatte, kam es auch dann zur erhöhten Speichelproduktion, wenn das Klingelzeichen ohne das Futter dargeboten wurde.

Was war geschehen? Obwohl das Klingeln ursprünglich ein neutraler Reiz war und mit dem Futter selbst nichts zu tun hatte, führte es nach dem Experiment doch zuverlässig zur erhöhten Absonderung von Speichel. Aus dem neutralen Reiz war ein konditionierter Reiz bzw. Stimulus (KS) geworden, der zur konditionierten Reaktion Speichelfluss führte.

Im beschriebenen Versuch hat der Hund gelernt, einen neutralen Reiz an eine unwillkürliche Reaktion anzubinden. Durch die klassische Konditionierung werden also Reaktionen auf bestimmte Reize gelernt, sie wird deshalb auch zu den Reiz-Reaktions-Theorien gezählt. Basis für diese Art des Lernens sind angeborene Verhaltensweisen.



Die klassische Konditionierung: Hundeversuch des russischen Physiologen und Nobelpreisträgers Iwan Pawlow (1849-1936).


Target Panic beim Bogenschießen
Wie wird nun Target Panic durch klassische Konditionierung gelernt? Zur Wiederholung: Nach Kidwell zeigt sich Target Panic beim Bogenschießen durch ein vorzeitiges Lösen des Pfeiles. Das Lösen ist also die Reaktion (UR - Bild 6). Nun brauchen wir dazu einen unkonditionierten Reiz/Stimulus (UKS - Bild 3), der uns veranlasst, den Pfeil immer zu lösen. Normalerweise lösen wir, wenn wir im Ziel sind. Das ist der Moment, wo wir glauben, dass der Pfeil in der richtigen Position ist, um das Ziel zu treffen und uns das Unterbewusstsein den Befehl gibt, den Pfeil zu lösen. Lösen wir vorzeitig, muss es also einen Reiz (KS - Bild 7) geben, der uns dazu veranlasst, vorzeitig zu lösen (KR - Bild 8). Dabei gibt es zwei Varianten.
Vorzeitiges Lösen bei vollem Auszug

Man zieht bis zum Ankerpunkt, bewegt den Pfeil in Richtung Ziel (KS - Bild 7), erreicht den Punkt, an dem unser Unterbewusstsein sagt: „Lösen“ (UKS - Bild 3) und Lösen den Pfeil (UR - Bild 6). Der neutrale Reiz (Bild 1) ist dabei das Hinbewegen zum Ziel. Der auslösende Reiz ist also nicht das Erreichen des Zieles, sondern das Hinbewegen zum Ziel. Und dieses Problem haben sowohl Compoundschützen wie auch traditionelle Schützen.
Vorzeitiges Lösen wenn der Ankerpunkt noch nicht erreicht wurde
Mit diesem Problem haben viele traditionelle Schützen zu kämpfen. Der Schuss wird gelöst, bevor man den Ankerpunkt erreicht hat. Dabei ist der Schussablauf so, dass bei Erreichen des Ankerpunktes auch gleichzeitig das Ziel erreicht ist und der Schuss gelöst wird. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass beides - das Hinbewegen auf das Ziel und das Erreichen des Ankerpunktes - parallel ablaufen.




Wie kann man Target Panic überwinden?

Erinnern Sie sich, dass ich oben gesagt habe, es ist nicht unbedingt wichtig, die Ursachen für Target Panic zu verstehen, um sie zu überwinden. Die meisten sind natürlich an einer Lösung interessiert. Will man psychologische Probleme, bei denen die klassische Konditionierung im Spiel ist, gibt es im Wesentlichen zwei Arten: Systematische Desensibilisierung und „aufhören zu denken“.
Systematisch Desensibilisierung

Die Systematische Desensibilisierung ist ein Prozess, der es erlaubt, stufenweise von gelernten Verhaltensweisen mit Hilfe des Bewusstseins zu einem kontrollierten Verhalten zu kommen.
Ein Beispiel: Fährt ein Kind mit einer Achterbahn, wird es am Beginn Angst haben. Mit jeder weiteren Fahrt wird sich diese Angst aber legen. Das geht so lange, bis das Kind mit einer größeren fahren möchte, um den gleichen Kick wieder zu erleben. Was ist da passiert? Die Angst beim Fahren (KS - Bild 7) wurde mit einem Sicherheitsgefühl (Bild 5) gepaart. Das führt dann zu einer entspannten Fahrt.
Aufhören zu denken
Die Methode ist der oberen sehr ähnlich. Hier wird bewusst ein Reiz erzeugt, sodass die Reaktion nicht mehr in gewohnter Art und Weise auftreten kann. Nehmen wir an, Sie denken an etwas immer und immer wieder. Nun erschrecke ich Sie mit einem Stoß in die Rippen (UKS - Bild 3). Sie werden sofort an etwas anderes denken. Kombiniert mit den besitzergreifenden Gedanken vorher (KS - Bild 7) wird sich der gewünschte Effekt nach einigen Versuchen von selbst einstellen.

Techniken zum Überwinden von Target Panic
Die folgenden Techniken basieren auf den oben beschriebenen Methoden. Um Target Panic zu bewältigen, müssen neue Assoziationen bzw. Verbindungen zwischen Reiz und Reaktion hergestellt werden.
Blind schießen

Diese Technik hilft dabei, dem Unterbewusstsein wieder das Release in Zusammenhang mit dem Hineingehen ins Ziel zu lernen. Dabei wählt man einen großen Dämpfer und stellt sich in kurzer Entfernung auf. Man zieht bei geschlossenen Augen den Bogen bis zum Ankerpunkt und stellt sich dabei eine Ringscheibe vor. Die Augen sind während des gesamten Schussvorganges geschlossen. Nun schießt man und hält nach. Da man keine visuellen Eindrücke hat, können sich neue bilden.
Trockenschuss-Technik
Diese Technik besteht aus zwei Stufen. Als erstes zieht man auf, geht in das Ziel, bewegt den Bogen langsam vom Ziel weg und entspannt den Bogen. Dabei ist wichtig, dass man in den vollen Auszug geht, mit dem Bogen ins Ziel geht (denken Sie sich richtig ins Zentrum hinein) und dann erst den Bogen entspannt. Nur den Bogen zu spannen wäre zu wenig. Dabei entstehen neue Assoziationen, die normalerweise im Release enden. Jetzt wird das aber verhindert. Wiederholen Sie das mehrere Male. Als nächstes zieht man den Bogen wieder wie oben beschrieben einige Male auf. Nehmen Sie sich vor, das z.B. sechsmal zu tun und beim siebenten Mal schießen Sie und halten nach.
Vorstellungs-Technik
Das wird für viele wahrscheinlich die effektivste Technik zum Überwinden von Target Panic sein. Stellt man sich Bewegungsabläufe vor, kann man genauso lernen, wie wenn man tatsächlich diese Handlung ausführt.
Stellen Sie sich also intensiv den Schussablauf vor. Ziehen Sie im Geiste auf, gehen Sie mit dem Bogen ins Ziel und lösen Sie den Pfeil im Geiste. Wiederholt man das oft, ergibt das eine neue Konditionierung und das zu frühe Lösen legt sich von selbst. Ein Vorteil ist, dass ich in meiner Vorstellung nicht früher lösen kann. Ein anderer, dass man diese Übung immer und überall machen kann.
Drei-Stufen-Technik
Stufe 1
Nehmen Sie einen Bogen mit leichtem Zuggewicht. Stellen Sie sich vor einen Scheibendämpfer. Nun ziehen Sie den Bogen, gehen in den Anker und in das Ziel. Dann gehen Sie aus dem Ziel, wieder langsam ins Ziel und so weiter. Dabei soll das Unterbewusstsein lernen, dass ein Hineingehen ins Ziel nicht automatisch das Lösen des Pfeils bedeutet. Schießen Sie dabei den Pfeil nicht ab. Versuchen Sie auch, dabei aus unterschiedlichen Richtungen ins Ziel zu gehen. Wiederholen Sie das mehrmals am Tag.
Stufe 2
Als Nächstes wird nach einer bestimmten Anzahl von Aufziehbewegungen geschossen. Legen Sie vorher fest, wie oft Sie aufziehen und wieder absetzen. Halten Sie dabei den Bogen rund ein bis zwei Sekunden. Schießen Sie tatsächlich erst beim vorher festgelegten fünften Mal. Ändern Sie die Anzahl öfter. Damit sagen Sie Ihrem Unterbewusstsein, dass das Halten eines Pfeils im Ziel nicht automatisch zum Release führen muss. Erst wenn Sie den Schussablauf vollständig unter Kontrolle haben, können Sie zur nächsten Stufe gehen.
Stufe 3
Nun geht es daran, die neue „Einstellung“ zu testen. Ziehen Sie auf, gehen Sie mit dem Bogen ins Ziel und schießen Sie. Haut die Sache nun hin, ohne dass Sie vorzeitig lösen, ist alles ok. Wenn nicht, müssen Sie wieder zurück zu Stufe 1oder 2.


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