Bogensport-Geschichte - Teil 1

Michael Unterberger

Teil 1: Bogenpioniere – als das Bogenschießen Sport wurde

Ich habe mich oft gefragt, wieso IFAA und WA (FITA) unterschiedliche Bogenklassen haben und woher das kommt. Auch stellte sich für mich die Frage, warum sich die WA auf so wenige Klassen beschränkt. Wenn ich mir die Regelwerke der vielen internationalen und nationalen Verbände durchlese, ist es interessant festzustellen, dass „Traditionelle“ in Europa mit Holzpfeilen schießen und in den USA meist nicht. Nichts Neues und schon oft im Magazin erwähnt, aber warum ist es so?

Also hab ich mich zunächst auf die Suche nach Antworten gemacht, mit dem Wissen dadurch kein besserer Bogenschütze zu werden. Ich wollte einfach wissen, wenn ich schon traditionell schieße, woher meine Tradition kommt. Auf die Suche nach dieser Bogentradition, die vielleicht auch die eure ist, möchte ich euch nun einladen.

Muss traditionelles Bogenschießen „instinktiv“ geschossen werden? Es ist DIE Schlüsselfrage, um die es sich in diesem und in den kommenden drei Teilen unserer Suche drehen wird. Die Geschichte ist geprägt von der Konkurrenz der Scheiben- und Feldbogenschützen, von Visierschützen und „Instinctive Shooters“, denn sie haben sich maßgeblich gegenseitig beeinflusst. Eine Geschichte von ungleichen Brüdern, die selten miteinander, aber auch nicht ohne einander konnten.

Vorgeschichte

Der Bogen wurde ab der Steinzeit als Jagdwaffe verwendet und löste aufgrund seiner Präzision und Reichweite die Speerschleuder („Atlatl“) ab. Neben der Verwendung als Jagdwerkzeug wurde der Bogen jedoch nicht nur zur Nahrungsversorgung verwendet, sondern wie es häufig in der Menschheitsgeschichte ist, auch als Kriegswaffe. Und als dritte Funktion, so kann man wohl vermuten, dass als es zwei Bögen gab, man herausfinden musste, welcher Bogen bzw. Schütze besser war. Eine Tugend der Menschen, der sportliche Wettkampf.

So gab es neben der englischen und europäischen Bogentradition, weltweit viele verschiedene Kulturen, die unterschiedlichste Bögen entwickelten. Naturvölker Amerikas und Afrikas verwendeten oft sehr einfache Bögen als Jagdwaffe. Der östliche (orientalische) Raum ist die Heimat der Kompositbögen, der kurzen Recurvebögen. So verwendeten viele Reitervölker wie Mongolen, Hunnen oder Osmanen, solche Waffen, aber auch im arabischen und persischen Raum waren sie sehr verbreitet. Daneben entwickelte sich auch im Fernen Osten, wie China und Japan eine eigene Bogentradition (Zen-Bogenschießen, Kyu-Do).
Das Wort „Artillery“ kommt vom französischen Wort „Arc-tirer“, den Bogen ziehen. Im Mittelalter wurde der Bogen vor allem in England als Kriegswaffe verwendet, von dem in vielen Büchern berichtet wird. Mit der Anwendung des Schießpulvers im 15. bzw. 16. Jahrhundert und damit der Feuerwaffen, gerieten Pfeil und Bogen in der westlichen Welt fast in Vergessenheit.

Die westliche Bogenwelt spricht französisch und englisch

Bereits seit Mitte des 13. Jahrhunderts war ein Wettbewerb sehr verbreitet (ähnelt schon dem heutigen 3-D-Schießen), welcher später unter dem Namen Popinjay (engl.), Popingo (schot.), Papigai (französisch) und Vogelschießen (dt.) bekannter wird. Dieser Bewerb war vor allem im flämischen Teil Belgiens, in Deutschland und der Schweiz sehr verbreitet, aber auch in Frankreich, England und anderen Ländern.

Es war ein Wettkampf der vielen bürgerlichen Milizen, die damals die Städte vor fremden Soldaten schützten. Dabei wird vertikal nach oben (in Flandern auch horizontal) auf einen Holzvogel geschossen. In Deutschland und der Schweiz verwendete man statt des Bogens meist die Armbrust.

Die Kunst einen Vogel zu schießen, war hoch angesehen und derjenige, der als erstes in einem Jahr den Vogel schoss, erhielt den Titel „König“. In Frankreich wurde das besondere Recht ausgegeben, dass jener der als erstes in einem Jahr einen Vogel mit Pfeil und Bogen schoss, für das kommende Jahr von der Steuer befreit wurde (als „France-Archer“ bezeichnet). Gelang dies in drei aufeinanderfolgenden Jahren, gab es eine Befreiung für das ganze Leben und den Titel „Kaiser“.

Später wurde das Spiel auch mit Musketen fortgesetzt, verschwand aber im 18. Jahrhundert fast wieder. 1900 und 1920 war es allerdings ein Bogenbewerb bei den Olympischen Spielen. Noch heute findet der Bewerb in einigen nationalen Verbänden statt.

Bogenschießen in der Grande Nation Frankreich

Ende des 14. Jahrhunderts wurde der Hl. Sebastian zum Schutzpatron für das Bogenschießen und grenzte sich damit vom damals üblicheren Armbrustschießen des Hl. Georg ab. Sebastian war ein Hauptmann in der römischen Armee, der 288 n.Chr. wegen seines christlichen Glaubens durch mehrere Pfeilschüsse getötet werden sollte. Er überlebte, kehrte zu seiner Einheit zurück und bekannte sich neuerlich zu seinem Glauben. Daraufhin wurde er mit Keulen erschlagen.

Es kam zur Gründung der Bruderschaft des Hl. Sebastian, welche die hohen Werte der Ritterschaft übernahm und einen wesentlichen Einfluss auf das Bogenschießen in Frankreich haben sollte. Ein wesentlicher Bestandteil der neuen Kultur wurde das im nördlichen Frankreich und im wallonischen Teil Belgiens verwendete Beursault.

Beim Beursault wird durch einen Gang („Weg des Königs“) geschossen, links und rechts befinden sich Sträucher und 4 m hohe Holzhindernisse (die „Wächter“). Die beiden Scheiben befinden sich jeweils am Ende des Ganges und sind 50 Meter entfernt. Die Höhe des Zentrums befindet sich dort, wo Ritter einen Spalt in ihrer Rüstung hatten. Das eine Ziel trägt den Namen „Hügel des Angriffs“, das andere „Hügel der Geliebten“. Nachdem die 20 Pfeile in die eine Richtung geschossen und ausgewertet wurden, schießt man von dort wieder zurück.

Bogenschießen wurde vorwiegend von Teilen der Oberschicht betrieben, weshalb dieses nach der Französischen Revolution 1789 auch verboten wurde. Verschiedene dieser Gruppierungen schienen zu mächtig zu sein, weshalb das Bogenschießen und der Besitz dieser Waffen als Zeichen für den Adel verboten wurden. Dennoch überlebte das Bogenschießen in einzelnen Provinzen in diversen Familien. Ein halbes Jahrhundert später wird es wieder häufiger in vielen kleinen regionalen Gruppen praktiziert.

1899 wird in Frankreich als Vorbereitung zu den Olympischen Spielen in Paris die Fédération des compagnies d'arc de l'Île-de-France gegründet. Diese entwickelt sich später zum Weltverband FITA und zu einem nationalen Verband weiter, welche 1928 ihren heute noch üblichen Namen Fédération française de tir à l'arc (FFTA) erhielt.

The British Empire

Das Land mit DER Bogentradition ist England. Während die Armbrust in Europa verstärkt ihre Verbreitung findet, wird sie in England Anfang des 16. Jahrhunderts wegen der Förderung des Bogens verboten. Viele englische Könige verbieten auch diverse Sportarten, um nicht vom Bogenschießen abzulenken.

1542/43 schrieb der junge Pädagoge Roger Ascham das erste bekannte in englischer Sprache verfasste Buch zum Bogenschießen, Toxophilus. („Freund des Schießens“). Am Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Bogen als Kriegswaffe von den Feuerschusswaffen abgelöst. Clubs mit vornehmen Mitgliedern führten aus traditionellen Gründen die Bogentradition weiter: Royal Company of Archers (1603), Society of Archers at Scorton (1673) mit dem ältesten heute bestehenden Wettbewerb, dem „Silver Arrow“, Toxophilite Society (1781), The Woodmen of Arden (1785) und Society of Royal British Bowmen, die die erste Frau aufnahmen.

Der schwere Langbogen hatte nun bereits eine leichtere Bauform. So wurde Bogenschießen neben Kricket und Tennis zu der Sportart der Ober- und Mittelschicht. Seit 1673 wurden konzentrische Ringe als Ziel verwendet.

In England blieben zwei traditionelle Formen des Bogenschießens bestehen, die sich auf den Bogen als Kriegswaffe zurückführen lassen.

Zum einen das Schießen auf einen bestimmten Entfernungsbereich („Pfeilhagel“) - heute auf 180 bis 240 Yards, welches wir als Clout Shooting kennen und das Zielen auf ein fixes Ziel, das Scheibenschießen. In England treffen sich 1843 in York Vertreter verschiedener Clubs aus Großbritannien und im Jahr darauf findet das erste der jährlich stattfindenden nationalen Bogenturniere statt. Dabei wurde die York Round festgelegt, bei der Pfeile auf eine Distanz von 100, 80 und 60 Yards in beide Richtungen geschossen wurden. Vor allem Horace Ford ist hier ein bekannter Name, der ab 1849 elf Mal in Serie das Turnier gewann und auch für heutige Zeiten beachtliche Ergebnisse erzielte. Die Technik von Ford ist nach wie vor die Basis für jeden Scheibenschützen und hoch gelobt von Dr. Saxton Pope, der ihm nachfolgen wird. Er hatte mit seinen Forschungen den Bogensport revolutioniert und kann als Begründer der „Point-of-Aim“-Methode angesehen werden. 1861 wird in Liverpool die GNAS (Grand National Archery Society - seit 2008 Archery GB) gegründet. Die GNAS schießt aus historischen Gründen heute oft noch Imperial Rounds (in Yards) im Gegensatz zur FITA Rounds (metrisch).

Der Bogensport setzt in die USA über

Aber nicht nur im Mutterland England wurde dem Bogensport nachgegangen. Es fand sich von 1828 bis 1859 eine kleine Gruppe im Osten des Landes, mit der Bezeichnung „United Bowmen of Philadelphia“, die dem Scheibenschießen nachging. Zunächst wurde dort, nicht wie in England üblich, eine bestimmte Pfeilzahl geschossen, sondern eine bestimmte Zeitdauer. 1835 wurde dann die United Bowmen Round erstmals beschrieben und bestand aus 84 Pfeilen auf 80 Yards. Damit ist diese Runde die älteste bekannte im englischen Sprachraum. Die elitäre Gruppe wuchs auf maximal 50 Mitglieder an, bevor 1958 das letzte aufgezeichnete Schießen stattfand. Die Vorzeichen des Bürgerkriegs setzten dem Tun ein Ende.

Zwei Brüder aus Georgia kehrten 1865 aus dem amerikanischen Bürgerkrieg als Verlierer zurück. Maurice „Morris“ und Will Thompson hatten in ihrer Jugend von Cherokee das Bogenschießen gelernt. Da ihnen als Südstaatler nun der Besitz von Schusswaffen verboten war, übten sie ihre in der Kindheit erlernten Fähigkeiten nun bei der Jagd wieder aus. Maurice schrieb über seine Erfahrungen sein erstes Buch „The Witchery of Archery". Im ganzen Land wurde das Buch ein Erfolg und Bogenclubs wurden gegründet. Der leicht elitäre Sport bekam so ein etwas anderes Gesicht und entsprach mit der Bogenjagd dem amerikanischen Pioniergeist. Neben der Bogenjagd beschäftigten sie sich mit dem Scheibenschießen und gründeten mit anderen 1879 die N.A.A. (National Archery Association – heute USA Archery) und wählten Maurice Thompson zu ihrem ersten Präsidenten.

Man wollte zunächst die in England üblichen Runden einführen und so entschied man sich für Männer für die York Round (max. 100 Yards), für den Teambewerb die National Round (max. 60 Yards) und für die Damen allerdings die amerikanische Columbia Round (max. 50 Yards).

Es gab jedoch einen gravierenden Unterschied zwischen „American Ends“ und „English Ends“. Während in England drei Pfeile geschossen wurden und man dann zur Scheibe ging, um weitere drei Pfeile wieder retour zu schießen (up and down), wurden in Amerika nur in eine Richtung sechs Pfeile geschossen.

Im August desselben Jahres wurde im White Stocking Park, dem Baseball-Feld der Chicago White Sox, mit 89 Schützen die erste nationale Meisterschaft (1. Grand National Tournament) ausgetragen, unter ihnen 20 Frauen. Sieger wurde Will Thompson. Später wiederholte er den Sieg noch mehrmals.

Obwohl die beiden Thompson-Brüder nie Bücher von Henry Ford gelesen hatten, entwickelten sie eine ähnliche Zieltechnik. Maurice zielte bei einem 3/4-Auszug über seinen Handrücken und nicht wie Ford bei einem Vollauszug über die Pfeilspitze. Damit begründeten sie nicht nur die amerikanische Bogentradition mit, sondern waren auch wesentlich für die Technik, die lange Zeit in den USA verwendet wurde, maßgebend. Maurice schrieb ein weiteres Buch „How to Train Archery“.

Obwohl sie auch mit anderen Materialien experimentierten, blieb der Englische Langbogen für sie das Maß aller Dinge und sie setzten so die englische Bogentradition in den USA fort. Während im Westen amerikanische Soldaten von Pfeilen der Indianer beschossen wurden, gingen an der Ostküste „Zivilisierte" der englischen Bogentradition nach.

Bereits 1880 wird berichtet, dass bei einem Turnier der NAA ein Schütze aufgetaucht sei, der einen Ring (heute würden wir es als Lochkimme bezeichnen) in der Sehne eingearbeitet hatte. Er konnte so die Pfeilspitze mit der Sehne auf die Linie mit dem Ziel bringen, die erste Visiereinrichtung war geboren. In den folgenden Jahren sollte sich dies immer weiter durchsetzen.

Die Olympischen Spiele und die Schwierigkeit mit den Regeln

Man kann die Spiele von damals nicht mit den heutigen vergleichen. Es gab noch keine internationalen und kaum nationale Verbände und auch kein einheitliches Regelwerk, weshalb die Regeln der Gastgeber galten.
Bei den zweiten Olympischen Spielen in Paris und den ersten mit einem Bogenwettbewerb, dominierten aufgrund der höchsten Teilnehmerzahl die Franzosen und Belgier. Daneben traten nur noch Niederländer an. Geschossen wurde bei der, parallel zur Weltausstellung (Mai bis Oktober) statt findenden Veranstaltung, aus 33 und 50 m Entfernung auf Scheiben, sowie 10 m in die Höhe auf einen Mast.

Vier Jahre später, 1904 in St. Loise (USA), blühte die mittlerweile wieder etwas eingeschlafene Bogenwelt in den USA auf. Die meisten Nationen scheuten die teure Überfahrt und so gab es nur wenige Teilnehmer aus anderen Ländern. Abermals dominierten im Bogenschießen die Gastgeber die Wettbewerbe und die Regeln, denn sie waren in dieser Sportart die einzigen Teilnehmer, weshalb es zu einer reinen amerikanischen Meisterschaft wurde, allerdings erstmals mit weiblicher Beteiligung.

Kritisch anzumerken wären dabei die „Anthropologischen Tage“, bei denen Angehörige „primitiver Stämme“ zur Teilnahme gezwungen wurden, um im sportlichen Wettkampf gegeneinander anzutreten. Aus heutiger Sicht ist diese Form der „Völkerschau“ als rassistisch anzusehen, wenngleich es dem damaligen Zeitgeist entsprach. Die Ansicht dabei bestand darin, zu belegen dass „zivilisierte Menschen“ sowohl geistig aber auch körperlich den „Wilden“ überlegen waren. Wortmeldungen von damals waren zutiefst erniedrigend.

Die Olympischen Spiele in London 1908 erfuhren zum ersten Mal eine höhere Beachtung. Für die Herren wurden zwei verschiedene Runden geschossen. Weil die Franzosen mit der York Round nicht viel anfangen konnten, überließen sie diese den Briten und Amerikanern. Für die Franzosen gab es die Continental Round (40 Pfeile auf 50 m). Interessant ist jedoch, dass auf Einladung der Franzosen auch englische Schützen teilnahmen. Obwohl einer von diesen Zweiter wurde, wurde dies bei der olympischen Platzierung nicht berücksichtigt, weshalb sich nur elf Franzosen in der Bewertung befinden.

Neben dem Scheibenschießen entwickelte sich in den USA die Bogenjagd weiter und führte dort schließlich zu einer Spaltung zwischen den Visierschützen und „Instinctive Archers“ und der Gründung eines neuen nationalen Verbandes, der NFAA. Es kam zur Geburt eines neuen Wettbewerbes, dem der Bogenjäger - dem Feldbogensport. Doch von all dem, berichte ich euch im nächsten Artikel.

Heutige Bogenklassen von damals

Zu jener Zeit wurde in der westlichen Welt eigentlich nur mit dem englischen Langbogen und in der östlichen Welt mit kurzen Kompositbögen geschossen. Die sich verändernde Bogentechnologie der letzten hundert Jahre ließ diese Bögen von einst fast verschwinden. Am Beginn des neuen Jahrtausends wurde von der IFAA der Historical Bow aufgenommen. Der klassische englische Langbogen gehört hier genauso dazu, wie die Reiterbögen der Mongolen oder die Bögen von Ishi. Die IFAA beschreibt es mit Bögen vor 1900, im Grunde sind es Bögen ohne „künstliche“ Verstärkung. Die Horsebow waren durchwegs Komposite-Bögen, allerdings aus natürlichen Materialien und wenn ein Stück Holz mit Sehnen verstärkt wurde, so spricht man von Primitive Bow. Gibt es einen Bogen aus einem Stück Holz ohne Verstärkung, so spricht man meist von Selfbow. Während in Europa in die Dachverbände eingegliedert, müssen sich die Schützen von historischen Bögen in den USA andere In­ter­essensgemeinschaften suchen, oder mit modernen Langbögen bzw. auf Traditionellen Turnieren mitschießen*.

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* Namen in einzelnen Verbänden: Historical Bow (IFAA), Primitive Bow und Horse Bow (IAA), Primitiv Bow (DFBV), Primitivbogen (DBSV)


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